25 Jahre Noah

Vor einem Vierteljahrhundert entstand eine wertvolle, aktive und einsatzbereite Verbindung von zwei Menschen, einem Schiff und anschließend daraus die ARGE NOAH – heute der AKs NOAH. Die zwei Personen sind Petra und Herbert Siegrist.

Petra ist heute Supervisorin und vor allem im sozialpädagogisch/ therapeutischen Feld tätig, neben ihrem direkten Betreuungseinsatz in den Wohngemeinschaften des AKs. Sie war in all der Zeit und ist heute eine treue und unersetzliche Wegbegleiterin von Herbert.
Unermüdlich war sie großteils sogar ehrenamtlich für die ARGE NOAH, und damit auch das Zentrum Spattstraße, aktiv. Seit März 2007 ist sie auch als Obfrau des Arbeitskreises – kurz AKs NOAH – aktiv.
Herbert, der von seinen Eltern, Ruedi und Emma Siegrist, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und für Kinder und Jugendliche, die „nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“ „eingeimpft“ bekommen hat, bastelte unermüdlich an Projekten und Plänen um
diesen „Psychosozial-zu-kurz-Gekommenen“ zu helfen. In seiner Fortbildung beschäftigte er sich besonders mit erlebnispädagogischen und psychosozialen Einzelbetreuungsaspekten.
Gemeinsam arbeiteten beide lange auf dem Schiff NOAH mit jungen Menschen, gründeten Wohngemeinschaften zur Vor- und Nachbetreuung und erweiterten das Projekt ARGE NOAH im Lauf der Zeit.

Das Schiff NOAH wurde 1983 erstmals bei dreiwöchigen Urlaubstörns für Jugendliche von Herbert geskippert, unter anderem auch nach Helgoland, wo es zufällig, aber symbolhaft, auch jetzt, Ende Juli 2008, wieder mit Jugendlichen liegt. Zunehmend wurden die Törns zeitlich länger. Die Erfahrung mit den von Eltern und Jugendwohlfahrt anvertrauten Jugendlichen zeigte, dass ein Nachreifen besser möglich war, wenn eine Zeit – ähnlich der Dauer einer Schwangerschaft – von bis zu neun Monaten gewährt werden konnte.

Die ARGE NOAH, der Name Siegrist und das Schiff NOAH waren und, anstelle von ARGE heute AKs NOAH, sind weit über Österreich hinaus bekannt.

Diese Verbindung unterstützte Jugendliche, die in ihrem soziokulturellen
Umfeld nicht zurecht kamen bzw. dieses nicht mit ihnen und oft die
Schule abgebrochen hatten. Das Dreigestirn förderte einige soweit, dass
sie ein Universitätsstudium absolvieren und auch erfolgreich abschließen
konnten. Mit anderen wurden durch die intensiven Betreuungskontakte so tragfähige Beziehungen aufgebaut, dass selbst Probleme in ihren Familien, seien sie psychischer, sozialer oder materieller Natur, über spätere erneuerte Hilferufe und Kontakte gemeistert werden konnten. Leider konnte einigen anvertrauten Jugendlichen nicht das geboten werden, was sie benötigt hätten – sie kamen ums Leben oder sanken tiefer ins psychosoziale Elend.

Bis zum Törn 12 war es ein ständig wachsendes Projekt. Dieses Wachstum und damit auch ein gewisser Machtanspruch (Mitspracherecht, Kostenreduktion) war aber auch Konfliktthema mit der Trägerorganisation Zentrum Spattstraße.
Die Änderungen für Schiffe von Ausländern in Kroatien verursachten erste Probleme. Turbulenzen in der erlebnispädagogischen Szene brachten auch unsere politische und fachliche Rückendeckung ins Wanken. Zwei weitere Törns konnten das Ruder nicht völlig herumreißen.
Der Trennungsschnitt durch das Zentrum Spattstraße und das Hinausdrängen aus allen Wohngemeinschaften der ARGE NOAH führte beinahe zur Vernichtung des Lebenswerkes des Ehepaares Siegrist. Im Zuge dieser Organisationsdynamik mußte die urzellenähnliche
Wohngemeinschaft in Kronstorf vom Zentrum Spattstraße geschlossen werden.
In dieser schwierigen Situation gab es glücklicherweise Menschen, die
der Meinung waren, die Idee und Kultur der Arge NOAH muss weitergehen.

Mit ihnen wurde der Arbeitskreis NOAH gegründet. Unermüdlich und mit wiederum vermehrtem Einsatz in der direkten Betreuungsarbeit schaffte es das Ehepaar Siegrist, mit dem Arbeitskreis wieder in der psychosozialen Arbeit Fuß zu fassen: Petra als Obfrau und Herbert als
Geschäftsführer des Vereines. Am 1. April 2007 wurde die erste Wohngemeinschaft im Auftrag des Magistrates Wien, das NOWI, eröffnet. Genau ein Jahr später konnte die zweite WG, das NOWO21 in Betrieb gehen.
Mit Hilfe von Licht ins Dunkel, Spenden durch deutsche Shanty-Chöre und anderen konnte jetzt auch das Schiff wieder auf Vordermann gebracht werden. Die runderneuert NOAH segelt derzeit in der Ostsee.

Ich konnte diese Arbeit seit 1984 begeiten. Die ersten Jahre als Supervisor – freigestellt von der Landessanitätsdirektion, um diese wichtige Jugendarbeit fachlich zu begleiten, später als Skipper. Nicht zuletzt seit März 2007 als Obfrau-Stellvertreter des Arbeitskreises NOAH.
Ich bin froh, diese Verbindung erlebt und begleitet zu haben. Ein Lebenswerk von zwei Menschen, die vor Ideen sprühen und mit großem Einsatz deren Umsetzung betreiben, manchmal auch unter großen finanziellen Risiken. Österreich kann stolz sein, so etwas zu haben –
ein Schiffsprojekt NOAH, einen Arbeitskreis NOAH, den Verein für Sozialpädagogik und Jugendtherapien. Natürlich gibt es überall ein Auf und Ab, gibt es auch Mängel, aber das große Ziel – junge Menschen zu unterstützen, damit sie einmal in dieser Gesellschaft ihren Mann/ihre
Frau stellen – das haben Petra und Herbert nie aus den Augen verloren.
Für das nächste Vierteljahrhundert wünsche ich diesem Dreigestirn – Ehepaar, Schiff und Arbeitskreis – ein ruhigeres und tragfähiges Fahrwasser, immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und selbstverständlich guten Wind zum Aufbruch zu neuen Ufern.

 

MANFRED RUSCHAK, 2008